Puppenspiel

Zur
Blütezeit der Mogulherrschaft blieben nur sehr wenige Bereiche im
feudalistischen Rajputana (Rajasthan) von dem Eindringen der neuen Kultur
unberührt. So machten sich Einflüsse in der Art sich zu kleiden
und zu sprechen sowie in Küche, Kunst und Architektur deutlich
bemerkbar. Kaum ein Gegenstand des alltägllichen Gebrauchs konnte sich
dieser Veränderung entziehen. Agra und Delhi entwickelten sich zu den
kulturellen Zentren jener Zeit, von hier gingen bedeutende Impulse aus. Die
Maharajas von Rajasthan standen längst unter mogulischer Verwaltung und
hatten so direkten Zugang zu einem völlig neuen Lebensstil, von dem sie
ohne zu zögern Anleihen machten. Fasziniert öffneten sie Tür
und Tor den Handwerkern und Fachleuten, der Mogulhöfe und Musiker,
Dichter, Maler, Keramikkünstler und Architekten wurden mit offennen
Armen aufgenommen. Künstler genossen jede nur erdenkliche Unterstützung
und wurden ermutigt, sich in der neuen Umgebung anzusiedeln. Unter den
vielen, die so nach Rajasthan gelangten, waren auch die Puppenspieler.
Seither sind Puppenspiele (Kataputali Ka Khel) aus der Volkstradition
Rajasthans nicht mehr wegzudenken.
Der erste und bekannteste Förderer der Puppenspielkunst war der legendäre
Herrscher von Nagaur, Amar Singh Rathore. Er war eine führende Persönlichkeit
am Hofe Shah Jahans (1628-1658) in Delhi. Amar Singh hatte schon lange vor
seinem Tod das Puppenspiel als ein geeignetes Medium zur Verbreitung seines
Ruhms und seiner Heldentaten erkannt und zu seinem Vorteil eingesetzt. So
wurde Nagaur die Heimat der Puppenspieler, die sich auch bereitwillig dazu
verpflichteten, dem Brauch am Mogul zu folgen, der die Lobpreisung des
Herrschers vom Künstler verlangte. Sorgfältig ausgearbeitete
Vorstellungen mit Musikbegleitung wurden aufgeführt, in denen die
Geschichte von Amar Singh Rathore, der einzig und wichtigste Bestandteil
war. Diese Tradition wurde bis heute durch Generationen vor Puppenspiele
fast ungebrochen überliefert, die, obwohl sie zum Teil sehr weit von
ihrer Heimat weg verschlagen wurden, niemals die Dankesschuld ihrem Helden
und Gönner gegenüber vergessen haben. Der Amar Singh Rathore-
Zyklus ist unabdingbarer Teil jeder Präsentation, egal in welchem Teil
Rajasthan sie stattfindet.
Die Puppenspieler, auch Bhats genannt, stammen ursprünglich von einem
Nomadenstamm und haben ihre Heimat in der Hoffnung auf ein besseres Leben in
den Städten verlassen. Heute noch lassen sie sich am Straßenrand
nieder. Haben sie ihre provisorischen Behausungen aufgeschlagen, wenden sie
sich ihrem Broterwerb zu. Da es nicht immer möglich ist, Vorstellungen
auf die Beine zu bringen, haben sie sich auf die Herstellung von Marionetten
für Touristen und andere interessierte Käufer verlegt. Ihre
eigenen Puppen sind ihnen heilig, sie würden sich nicht von ihnen
trennen. Die Besetzung besteht meistens aus Maharajas und Maharanis,
Soldaten, Tanzmädchen, Narren sowie Nebencharaktern wie Schlangenbeschwöreren,
Pferde- und Dromedarreitern.
Heutzutage sind die Puppen sehr leicht, ihr Kopf ist aus Holz gefertigt,
und die Gesichter sind mit leuchtenden Farben bemalt. Der Rest des Körpers,
auch Hände und Füße ist aus Stoffen genäht. Die Kostüme
sind prächtig schillernd und erwecken so Erinnerungen an die glanzvolle
Zeit am Hofe der Maharajas, die den Hintergrund der Geschichten darstellt.
Ein Puppenspiel zu arrangieren, ist das einfachste von der Welt. Man benötigt
dazu zwei der leichten indischen Betten mit Flechtwerk, Leintücher und
eine Laterne. Der Puppenspieler wird von seiner Frau unterstützt, die
ihn auf der Trommel (Dholak) begleitet, und einem Gehilfen, der die Puppen
reicht, und schon kann es losgehen. Der Puppenspieler erzählt die
Handlung der Geschichte, und seine Frau oder ein anderer Dholak-Spieler
singt dazu. Der Puppenspieler stößt einem lauten Pfeifton aus,
der charkteristisch ist für das Puppenspiel Rajasthans. Die Geschichte
geht weiter, lustige Begegnungen und häufiger Szenenwechsell halten die
Zuschauer in Atem. Ein geschickter Puppenspieler kann durch die bloße
Bewegung seiner Hände die Marionette meisterhaft zum Leben erwecken und
eine Vielzahl von Gefühlen vermitteln. Für heitere Einlagen ist
der Hofnarr zuständig, ein besonderer Freund der Kinder. Nicht fehlen dürfen
auch Volkslieder und Tanznummern, in denen die Puppen schwindelerrengende
Drehungen vorführen. Eine Show dauert gewöhnlich eine Stunde, kann
aber je nach Ausdauer der Zuschauer variieren. Aber jene Tage sind wohl vorüber,
da der Puppenspieler ein wichtiger und geachteter Unterhaltungskünstler
war, der seinen eigene Troß mit sich führte, bestehend aus
mehreren Ochsenkarren, vollgepackt mit seiner Spezialausrüstung, Puppen
und allem Zubehör. Damals erwartete das ganze Dorf ungeduldig die
Ankunft der Truppe und traf entsprechende Vorbereietung.

Mehandi
: Die Hand als Zeichen der Tradition
In der Wüstenkultur findet
man eine starke Neigung zur ornamentalen Gestaltung. Überall kann man
sie bewundern; auf Stoffen, im Schmuck, an den schweren Silberfußreifen
der Wüstenfrauen, in den Armreifen, im Nasen- und Ohrschmuck und an
alten Gebäuden. Es gibt kaum einen Fleck, der nicht irgend wie
ggeschnitzt, behauen oder verziert wäre. Und diese Freude an der
Gestaltung geht noch weiter-bis auf die Arme, Gesichter, Hände und Füße
der Menschen. Die Wüstenfrauen haben das Muster auf ihren Handflächen,
das rote Sindur (Farbpulver) in ihrem Haar verrät, daß sie
verheiratet sind.
Diese Muster entstehen durch das Auftragen von Mehandi. Die Mehandi ist das
einheimische Wort für Henna. Es ist ein Strauch, aus dessen
getrockneten und gemahlenen Blättern der rote Farbstoff gewonnen wird.
Die zuerst ollivgrüne Paste färbt sich beim Trocknen henna-rot. Zu
den großen Festen, vor allem aber zu Hochzeiten tragen Hindu- wie
Muslimfrauen auf Händen und Füßen die Mehandi-Muster auf. Am
vollendetsten beherrschen die Wüstenfrauen den alten, schönen
Brauch. Wenn die Paste trocken ist, wird sie abgestreift und die Fläche
mit Öl eingerieben. Das Design hält dadurch etwa eine Woche. Alle
roten Farbtöne gelten in Indien als positiv.
Der Volksbrauch sagt, je tiefer das Rot einer Mehandi-Bemalung bei einer
Hochzeit, desto größer wird die Liebe des Ehemannes sein. Bevor
die Jungvermählte aus ihrem Elternhaus auszieht, hinterläßt
sie an der Wand den Abdruck ihrer Hand mit dem Muster. Die Henna-Bemalung
ist aber nicht nur schön und glückbringend, sie gilt auch als kühlend,
was im heißen Klima für die Fußsohlen und Handflächen
angenehm ist.
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